
Die Harkortstraße wurde Ende des 19. Jahrhunderts am Ostufer des Pleißemühlgrabens neu angelegt. Der Abschnitt nördlich der Straße des 17. Juni ist wesentlich älter und hieß zuvor „Hinter der Wasserkunst“, da sich die dortigen Häuser, von der Stadt aus gesehen, hinter der „Roten Wasserkunst“ befanden.
Das Grundstück Harkortstraße 3 lag also einst vor den Toren der Stadt, gegenüber der alten Stadtbefestigung und der Pleißenburg (heute „Neues Rathaus“).

Die Pleißenburg wurde im 13. Jahrhundert als markgräfliches Schloss von „Dietrich dem Bedrängten“ errichtet. Hier fand 1516 die Leipziger Disputation zwischen Martin Luther und Johannes Eck statt, an deren Ende der endgültige Bruch Luthers mit Rom stand. In der Schlosskapelle hielt Luther Pfingsten 1539 die erste evangelische Predigt in Leipzig. Nach schweren Zerstörungen im Schmalkaldischen Krieg (1546-47) ließ Kurfürst Moritz von Sachsen das alte Bauwerk 1548 abreißen und über einem dreieckigen Grundriss als Festung neu errichten. Diese war vom Hauptwall der Stadtbefestigung durch einen Wassergraben getrennt und diente mit Kasematten und dreieckiger Bastion als Zitadelle.
Später zunehmend als Verwaltungsgebäude und Kaserne genutzt, beherbergte die Pleißenburg seit dem 18.Jahrhundert dann eine Sternwarte und die Zeichen- und Kunstakademie, die auch Johann Wolfgang Goethe während seiner Leipziger Studienjahre (1765-68) besuchte.
Im ausgehenden 19 Jahrhundert wurde die Pleißenburg abgerissen und am Standort 1899 bis 1905 das Neue Rathaus errichtet (Architekt: Hugo Licht).

Wassermangel führte im 13. Jahrhundert die Nonnen des St.Georg Ordens (später: Benediktinerinnen) an die Pleiße. Ihr Kloster lag am Westufer auf dem Gelände der heutigen Fritz von Harck-Anlage. Die Nonnenmühle wurde an dem neuen Teilstück des Pleißemühlgrabens errichtet. Zur Wasserversorgung der Stadt gab es am Standort bereits 1501 eine erste Wasserkunst, ein Gebäude, in dem mit Wasserrädern Flusswasser in höher gelegene Speicher befördert und unter Nutzung des Gefälles in ein Rohrsystem eingespeist wurde. Auf diese Art wurden öffentliche Brunnen, Rohrkästen und Bottiche in den Höfen von Leipziger Häusern mit Wasser versorgt.
Im 16. Jahrhundert wurde dann die Rote Wasserkunst gegenüber der Nonnenmühle errichtet, benannt nach den roten Fenster- und Türrahmeneinfassungen aus Rochlitzer Porphyrtuff, im 17. Jahrhundert folgte die Schwarze Wasserkunst.

Das Haus in der Harkortstaße 3 wurde 1895 als Verwaltungsbau mit Wohnnutzung für den Leipziger Verband deutscher Handlungsgehülfen erbaut (Architekt: Hugo Franz). Der Verein setzte sich für rechtliche Belange, Weiterbildung und soziale Absicherung seiner Mitglieder ein. Im Hause befanden sich in den Folgejahren Abteilungen des Verbandes wie z.B. die Altersvorsorge und Invalidenkasse, Sparkasse, Genesungsheim, Witwen- Waisen-, Kranken- oder Begräbniskasse. Der Verband vertrat, v.a. allem nach dem Zusammenschluss zum gesamtdeutschen DHV, nationalistische und antisemitische Positionen und war ein erklärter Gegner der Frauenarbeit.
Von Anbeginn bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhundert befand sich im Erdgeschoss ein Postamt, zunächst als „Kaiserliches Postamt 4“ mit Briefpost und Paketannahme.
Nach der Novemberrevolution hatte 1918/19 der Arbeiter- und Soldatenrat seinen Sitz in der Harkortstraße 3.
In den schweren Nachkriegsjahren befanden sich dann u.a. das Arbeitsamt und die Arbeitslosenfürsorge in dem Gebäude.
In den 20er Jahren zog dann die Grohag ein, eine Großhandelsgesellschaft der Gebrüder Ury, die seit 1896 das erste Leipziger Warenhaus am Königsplatz 15 (heute Wilhelm-Leuschner-Platz) betreiben. Ende der 30er Jahre emigrierte die Familie, nur die Flucht von Julius Ury misslang, er ist 1940 in Frankreich verschollen. Die Telefunken übernahm die Räumlichkeiten in den oberen 3 Etagen und wollte das Haus auch erwerben, der Zuschlag ging 1941 allerdings an die Stadt Leipzig.

Das Haus erlitt im 2. Weltkrieg verhältnismäßig geringe Kriegsschäden, die markante Risalitkuppel wurde allerdings zerstört und nach der „Verstaatlichung“ nicht mehr rekonstruiert.
Nach Kriegsende 1945 befand sich im Hause zunächst eine Geschäftsstelle des “Antifaschistischen Blocks”, der demokratisch-antifaschistische Maßnahmen einleiten und das zunächst amerikanisch besetzte Leipzig auf „den Einmarsch und die Begrüßung der sowjetischen Truppen“ am 2. Juli 1945 vorbereiten wollte.

Die Pleißenburg 1642. Als Teil der Stadtbefestigung oft belagert und umkämpft, hier durch die Schweden im 30jährigen Krieg.

Durch Wasserräder wurde Flusswasser in höher gelegene Speicher befördert und in ein Rohrsystem eingespeist.

Namenspatron der Straße ist Gustav Harkort (*1795 in Hagen - gest. 1865 in Leipzig) ein Unternehmer, Bankier und Eisenbahnpionier der ersten Stunde. Bereits 1829 leitete er die Vorbereitungen für den Bau der Magdeburger-Leipziger Eisenbahn und gehörte zu den Gründern des Eisenbahn-Comittées, das sich die Schaffung eines deutschen Eisenbahnnetzes zum Ziel setzte. Eine der ersten Strecken, die realisiert wurde, war 1839 die Verbindung Leipzig-Dresden.

Blick vom Turm des Neuen Rathauses auf das 1888-95 von Ludwig Hoffmann im Stil der Neorenaissance erbaute Reichsgericht, heute Sitz des Bundesverwaltungsgerichts.

Einer der Mieter: die Telefunken, Gesellschaft für drahtlose Telegraphie.